2.10. Leinetal Ultra Running

Nicht meckern! – Laufen!

Beim MUM in Tschechien lerne ich Stefan Opitz (der Läufer, der während der Etappe auch mal eine Schwimmpause einlegt) kennen. Beim Ottonenlauf im August treffe ich ihn wieder. Er schwärmt von seinem Lauf im Leinetal, ein Ultra mit Aussichten. Ute und Martina sind auch neugierig und so melden wir uns an. Heute kommen wir um 7 Uhr in Northeim-Hillerse auf dem Kartoffelhof Köter an. Der Parkplatzeinweiser erklärt uns wo die Toiletten sind. Am Sportplatz. „Der ist da hinten, wo ihr die Flutlichtmasten seht!“ Der Gang zum Klo ist hier schon der erste Ultra des Tages! Dann zurück zur Scheune auf dem Hof, Startnummernausgabe bei Frank. Alles läuft ganz entspannt ab. Es ist eine kleine, familiäre Veranstaltung; von 40 gemeldeten Läufern werden heute nur 32 antreten.

Team Leinetal

Ein Foto vor dem Start, kurze Einweisung von Stefan, dann geht es los. Statt mit einer Pistole erfolgt der Start mit einem kleinen Feuerwerk. Es knallt und die Meute setzt sich in Bewegung. In das Leinetal. Bald überqueren wir die Leine. Hier ist Start/Ziel des Leine-Marathons von Michael.

Leine

An der Querung der B3 verlieren wir an der Ampel 2 Minuten und das Läuferfeld aus den Augen. Durch Sudheim und bald zunehmend bergauf. Ich erkenne einen Weg. Diesen bin ich schon einige Male bei Michaels Wieterberg-Marathon gerannt.

Ein Blick zurück ins Tal

Es geht nun meist bergauf oder bergab. Statt auf breiten Wegen sind wir oft auf kleinen Pfaden unterwegs. Mal Matsche, mal durch Gestrüpp, mal über Wiesen. Immer wieder belohnen Aussichtspunkte für die Mühen.

Und wieder eine Aussichtsbank

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Stefan viele Wege (Umwege) nur eingebaut hat, um uns wirklich alle schönen Aussichten (und Steigungen) ins Tal zu präsentieren. Wenig später sind wir bereits zum zweiten Mal von der Strecke abgekommen. Also wieder zurück! Die Kennzeichnungen der Strecke sind sporadisch da, oft stehen wir aber einer Kreuzung /Gabelung im Wald und können nur raten, wo es weitergeht. Auf der Homepage steht irgendwo „Orientierungslauf!“ Wohl war! Ein Läuferpaar, dass bislang unser Tempo läuft, verlieren wir hier aus den Augen. Die beiden haben sich wohl verlaufen.

Streckenmarkierung

Diese Streckenmarkierung finde ich richtig geil. U L, meine Initialen. Grandios! Inzwischen ist Ute unser Chef-Navigator. Sie hat den Track beim Komoot hochgeladen und führt uns (meist) sicher und mit der nötigen Autorität durch den Wald. „Da lang!“

steiler Anstieg

Ein Anstieg, der Weg wird immer schmaler. Bäume liegen im Weg. Kletten haben das Terrain besetzt. Wildschweine haben heute Früh hier bereits den Waldboden umgegraben. Martina, Ute und ich bewegen uns auf feindlichem Gebiet. Uns kommt die Begegnung mit den Wildschweinen beim Ballon-Ultra in den Sinn. Heute werden wir aber keinen Kontakt zu einem Keiler haben.

Herbstlich

Wir tapern weiter durch die Wiesen und die Wälder. Das Laub hat sich schon herbstlich verfärbt. Die Wege und Pfade sind so schön. Tausende laufen heute durch den Thüringer Wald mit Ziel Schmiedefeld. Wenige genießen diesen Trail durch die Berge rund um das Leinetal. Wir drei sind uns einig: „Hier ist es viel schöner!“ Wir nehmen den Wiesenweg, der bequem abwärts führt. „Halt, wir sind falsch, wir müssen zurück!“ Gut, dass wir Ute haben! Dennoch gesellen sich so einige hundert Meter (oder mehr?) zu unseren Kilometern hinzu.

Im Gleichschritt über die Höhe

Die Ausschreibung sagt 65 Kilometer, der Track bei Komoot ist aber 66,9 Kilometer lang. Das Ganze entwickelt sich zu einem Laufabenteuer! Stefan sagte am Start, dass sich der erste VP bei etwa Kilometer 10 befindet. Wir laufen durch das Dorf Bishausen. Mein Strava zeigt bereits Kilometer 12 an. Noch immer kein VP! Haben wir uns so verlaufen? Ist unser Track veraltet? Haben wir den VP verpasst?

Burgruine Hardenberg

Dann, etwa bei Kilometer 13 (unserer Strecke) erreichen wir den Verpflegungsposten. Es gibt alles, was man so braucht. Wir quatschen mit den Helfern, die unsere Zeiten und Startnummern notieren, und stärken uns ordentlich.

Felsformationen
Wappen

Wir umlaufen die Reste der Burg, die hoch oben über dem Tal thront. Bei einem Gewitter wurde sie zerstört. Die Grafen von Hardenberg bauten die Burg nicht wieder auf, sondern investierten 1710 neu in das Schloss Hardenberg im Tal. Dort wohnt man sicher auch bequemer als oben auf der Burg. Ein Pfad führt uns an den Felsen entlang und gibt den Blick frei auf die gräfliche Reitanlage der Hardenbergs, wo gerade das Turnier um die Goldene Peitsche ausgetragen wird. Finanziert wird vieles hochprozentig durch die Kornbrennerei Hardenberg (seit 1700) und eine Kooperation mit Underberg. Schaue ich mir das Wappen derer von Hardenberg an, sehe ich wieder wilde Schweine! Wir müssen weiter!

Wir laufen bergab durch den Wald und queren eine Straße. Dort steht – überraschend früh – der unbemannte VP mit Wasser und Schorle. Wieder steigt es an. Wieder ist Gehen angesagt. Das kostet wieder Zeit. Laut Ausschreibung gibt es am 6. VP, etwa Kilometer 53 eine CutOff Zeit von 9 Stunden. Eine Berechnung: Km 18 in 3h, Km 36 in 6 h, Km 53 in 9 h. Ein Blick zur Uhr: 18 Kilometer in 2:56 Stunden. Oha! Nur 4 Minuten Puffer! Wir müssen versuchen, mehr zu laufen. Ich treibe die beiden an. Auf den nächsten Kilometern verkneife ich mir Fotos. Immer wieder stellen sich uns Berge in den Weg.

Bergfried Burg Plesse

Der Anstieg zur Burg Plesse ist ein besonderer. Die Markierungen der Strecke enden am Radweg. Danach geht es aufwärts. Der schmale Pfad, den unsere Ute uns laut Track zuweist, ist gesperrt. Wegen Astbruch und anderer Gefahren. Uns egal. Wir kennen ja keine Alternative und es gibt keine Markierungen. Auch der nächste Weg ist gesperrt. Wir krabbeln unter und über querliegende Bäume. Wieder steil bergauf. Martina beschwert sich. Ich sage: „Nicht meckern, laufen!“ Endlich die Straße zur Burg. Oben nutzen wir nicht die Burgschänke, sondern den VP der windig direkt hinter der Burgmauer liegt. Danke an alle Helfer, hoffentlich gibt’s keine Erkältung.

Ausblick
Wehranlagen

Der Weg führt nun bergab. Sporadische Markierungen. Komoot (Ute) hat das Sagen! Es gibt parallele Wege, Stefan hat immer die mit den meisten Höhenmetern gewählt. Und wieder steil bergauf, wieder einmal! Dann laufen wir lange in eine Richtung, um später etwa 30 Meter unterhalb wieder zurück zu laufen. Kann das richtig sein? Ich frage ein Mädchen mit Hund. „Ja, hier sind vor langer Zeit bereits Läufer gewesen!“ Auf die Frage nach ‚langer Zeit‘ antwortet sie: „Etwa eine Stunde.“ Ja, schnell sind wir nicht!

die Sonne kommt heraus

Wir erreichen Bovenden, den südlichsten Punkt der Strecke. Die B3, die DB-Gleise, die Lippe und die A7 unter-/überqueren wir, um bald wieder in einen Wald einzubiegen. Schmale Pfade, die von Menschen wohl gemieden werden. Hier soll es wilde Tiere geben.

Wege, die die Natur sich zurückgeholt hat

Durch ein Loch im Zaun kommen wir auf ein ehemaliges Militärgelände. Vermutlich während des Kalten Krieges wurde hier eine ausgedehnte Bunkeranlage für Munition errichtet. Der Harz und die damalige DDR waren nicht weit entfernt. Genutzt wurde die Anlage wohl nie. Teilweise stehen die Türen der Bunker offen.

Bunker

Das Gelände ist aufgegeben. Der Asphalt ist kaum noch zu sehen. Die Natur obsiegt. Wir kämpfen uns durchs Unterholz. Ute nörgelt. Ich: „Nicht meckern, laufen!“ Wir müssen mehr laufen, sonst droht das Aus bei Km 53.

leicht ist anders

Nun muss bald die Bachquerung kommen. Etwa 4 Meter breit soll der Bach sein. Ich erzähle den beiden, dass ich Handtuch und Ersatzsocken dabei habe. Daran hatten sie nicht gedacht. Na, hoffen wir, dass es ohne nasse Füße gelingt. Ich schaue bei Strava nach. Kilometer 36, 5:34 Stunden. Somit 26 Minuten Reserve auf die CutOff-Zeit.

Einstieg zum Abstieg

Am Ackerrand entlang zum Bach. Gelbe Farbe markiert den Einstieg. Wir schauen es uns an. 3 Meter steil hinab zum Bach, in dem einige Stöcke liegen oder schwimmen. Danach geht es auf der anderen Seite genauso steil bergauf. Unsere Vorläufer haben alles schon ganz schön glatt gerutscht. Wir helfen uns gegenseitig hinab, um nicht ungebremst in den Bach zu landen. Unten diskutieren wir, welche Taktik wir anwenden wollen. Schuhe und Socken ausziehen? Wir wollen es mit Schuhen versuchen. Ich gehe voran, lege noch einen morschen Ast auf den wackeligen Untergrund. Arbeite mich bis zur Bachmitte (25 cm tief) vor. Die andere Bachseite ist steil, matschig und glatt. Ich fasse mir ein Herz und springe hinüber. Mit viel Glück rutsche ich nicht zurück und kann mich festhalten. Ich finde einen dicken Ast und lege ihn noch über den anderen in den Bach. Schade, dass wird dieses Abenteuer nicht filmen können. Martina folgt als Nächste. Erst halte ich sie mit einem Stock, nach dem Sprung mit der Hand. Ich muss kräftig ziehen, damit sie nicht zurück rutscht. Dann hat sie den Busch im Griff und hält sich fest.

Balanceakt

Nun darf Ute. Bachmitte. Sie will umdrehen und Schuhe und Socken ausziehen. Dann doch nicht. Sie arbeitet sich vor. Mit Mut springt sie ab, ist drüben – und rutscht zurück. Ich kann sie nicht halten und so gibt es doch einen nassen Fuß, bevor ich sie dann hinauf ziehen kann.

Ausstieg, Ute kann noch lachen

Die Markierung weist am Bach entlang, was gar nicht geht. Spuren unserer Vorgänger weisen hinauf und wir folgen diesen. Mit großer Kraftanstrengung kommen wir über die Kante. Wir krabbeln durch das Gebüsch und überwinden eine Brennnesselplantage. Wir gratulieren uns zu diesem gemeinsam überstandenem Abenteuer. Ein Abenteuer, dass wir sicherlich nicht mehr vergessen werden.

Technischer Halt

An einem Ackerrand steht ein ausgedienter Stuhl. Von Stefan? Genau passend für einen Reifen-, äh Sockenwechsel bei Ute. Nun kommt mein Handtuch doch zum Einsatz und eine Socke verleihe ich gerne. Ute genießt die trockene Socke und warme Füße. Wir haben soviel Adrenalin im Blut, dass wir nicht merken, dass wir falsch sind. Gut, dass Ute dies dann bald (nach 150 Metern) bemerkt. Wieder Extrameter. Am nächsten VP greifen wir ordentlich zu, wir haben Hunger und Durst. Inzwischen hängt Utes Handy am Tropf eines Akkus.

Im folgenden Anstieg sind wir uns einig: Der Rennsteiglauf ist gegenüber dem Leinetal UltraTrail schon etwas langweilig. Beim Rennsteiglauf gibt es auch ein CutOff bei etwa km 54 am Biathlonstadion von Oberhof. Cut Off. Ich informiere Ute und Martina über meine Berechnungen. Wir liegen nun nur noch 14 Minuten vor der erforderlichen Zwischenzeit. Martina hat schon den ganzen Tag Probleme mit dem drohenden Aus bei Km 53. Egal, wir müssen uns sputen. Was uns nicht gelingt, denn die Strecke ist gespickt mit kleinen und großen Anstiegen, die weitere Kraft kosten. VP 5, bei Kilometer 43 (mein Strava meldet 46 km). 10 Kilometer bis zum nächsten VP erklärt ein Helfer als wir gerade los wollen. Nun fällt Ute plötzlich ein, dass sie ihre Trinkblase noch nachfüllen könnte. Das dauert wieder!

Steinbruch

Dieser Streckenabschnitt hat es wieder in sich. Steigungen, Gefälle und Wurzeln ohne Ende! Am Steinbruch entlang, dann ein kurzes Stück auf allen Vieren hinauf. Danach wieder eine wunderschöne Passage auf Single-Trails.

Gipfelmarkierung

Immer im Auf und Ab. Eine Markierung kennzeichnet den höchsten Punkt. Dachte ich. Es kommen noch viele andere höchste Punkte, nur ohne Stein.

wunderschön!

Die Sonne kommt durch und verzaubert die Landschaft. Es macht so viel Spaß hier zu laufen! Irgendwann kommen wir dann an ein Gebäude auf der Höhe. Nun geht es hinab. Ein Blick zur Uhr, eine Rechnung: Wir liegen etwa 8 Minuten hinter der erforderlich Zeit zurück. Wieder im Wald unterwegs. Wo ist dieser blöde VP? Strava zeigt bereits 56 km an.

Nun dürfen wir uns Zeit lassen

Dann endlich, am Waldrand der Posten. Utes erste Frage: „Wir sind wenige Minuten zu spät dran. Werden wir nun aus dem Rennen genommen?“ Der Helfer: „Es gibt kein CutOff! Stefan hat gesagt, jeder der will darf weiterlaufen.“ Wir sind überglücklich! Und machen nun erst einmal Rast. Martina und Ute probieren die Krabben. Krabben beim Lauf? Darauf verzichte ich und greife zu bewährtem Haribo.

Noch etwa 10 Kilometer. Nun meist flach weiter. Im Ort Moringen muss ich ein Steinchen entfernen. Krämpfe im rechten Oberschenkel begleiten die Prozedur. Diese sind aber nach einigen hundert Metern Laufen wieder verschwunden. Unter der A7 durch und dann ein letzter heftiger Anstieg.

Letzter Anstieg

Scheiß Berge! Nicht meckern, Laufen, Uwe! Dieser Spruch begleitet uns nun schon seit Kilometer 20. Immer wieder! Und ich weiß, er wird uns nun auch bei weiteren Läufen begleiten.

Der Abstieg ist mit Trassierbändern bestens gekennzeichnet. Nur Ute will ihnen nicht folgen: „Der Track geht hier links ab über die Wiese, ist auch kürzer!“ Ok, artig folgen wir ihr. Der Weg (ist gar keiner) endet im Gebüsch. Dahinter ein Zaun. Dahinter ein Pferd, es wiehert. Könnte ich auch!! Wir müssen zurück, zurück zu meinen Trassierbändern. Meine Schuhe und Strümpfe sind übersät mit Kletten in allen Größen und Farben.

Nun nur noch hinab nach Hillerse und rechts ab zum Ziel. Feierabend! Applaus der wenigen noch anwesenden Finisher. Gegenseitiges Abklatschen! 11:09 h zeigt die Uhr und 68,3 Kilometer sowie 1689 Höhenmeter. Wir sind stolz, es geschafft zu haben. Wir danken den Organisatoren und allen Helfern für ihren Einsatz.

Unser Finisher-Preise: eine Urkunde und ein Sack Kartoffeln! Als wir uns frisch geduscht und und mit einer Bratwurst gestärkt auf die Heimreise machen, ist es fast dunkel. Wir hoffen, dass die beiden noch immer fehlenden Läufer eine Stirnlampe dabei haben.

Leinetal_Ultra_Homepage

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